Seit mehreren Jahren werden in Göttingen bei neuen Überwegen von Gehwegen auf die Fahrbahn Blindenleitsysteme eingebaut. Diese bestehen aus taktilen Bordsteinkanten und Rillenpflaster, wobei das Rillenpflaster längs der Gehrichtung verläuft. Bislang wurde jedoch nicht bedacht, dass rollradgestützte Fußgänger wie Rollstuhlfahrer, Menschen mit Rollatoren oder auch mit Kinderwagen sowie Ziehkoffern die Rillen meiden und auch mit den Bordsteinkanten Probleme haben.

Bei einer im Bauausschuss am 4. Mai 2017 vorgestellten Planung für einen Umbau des Zebrastreifens an der Goetheallee trat dieses Problem erneut auf [1]. Auf der vollen Breite von vier Metern sollte Rillenpflaster und eine taktile Bordsteinkante verbaut werden.

„Wir Piraten haben bereits beim Umbau der Weender Tor-Kreuzung Ende 2014 die flächige Verlegung von Rillenpflaster auf Verkehrsinseln als gefährlich kritisiert“, so Dr. Francisco Welter-Schultes, verkehrspolitischer Sprecher der PIRATENundPARTEI-Ratsgruppe. „Wir haben außerdem an der vielbefahrenen Kreuzung beobachtet, dass Radfahrer bei hohem Verkehrsaufkommen die Rillenbereiche diagonal überfahren, um nicht ins Schlingern zu geraten, und dadurch noch mehr Gefahren erzeugen.“
Auch die FDP hatte mehrmals im Bauausschuss die neue Verkehrsführung als unprofessionell und wenig bedarfsgerecht kritisiert.

Nun stellen PIRATEN, PARTEI und FDP zur nächsten Bauausschuss-Sitzung am 8. Juni 2017 einen interfraktionellen Antrag, in Göttingen die Übergänge zwischen Gehweg und Fahrbahn in Zukunft generell anders zu gestalten und vor allem das in der Kritik stehende Rillenpflaster nicht mehr so zu verlegen wie bisher. Es ist der erste gemeinsame Antrag von PIRATENundPARTEI-Ratsgruppe und FDP-Fraktion in dieser Ratsperiode.

Die drei Parteien schlagen vor, einen Leitfaden der Bamberger Stadtverwaltung von 2014 anzuwenden, wonach solche Übergänge auf der halben Breite mit einer taktilen Bordsteinkante und längst verlegtem Rillenpflaster für Blinde und Sehbehinderte ausgestattet sein sollen, auf der anderen Hälfte jedoch mit einer barrierefreien Nullabsenkung und quer ausgerichtetem Rillenpflaster für rollradgestützte Fußgänger [2].

Rillenpflaster darf auf Verkehrsinseln nicht flächig verlegt werden, wie beispielsweise am Weender Tor, sondern nur streifenweise an den Kanten vor den Fahrbahnübergängen. Nach den Normen haben quer und längs der Gehrichtung verlegtes Rillenpflaster sowie Noppenpflaster jeweils ganz bestimmte Bedeutungen und dürfen nicht verwechselt werden. Diese Normen wurden bislang zwar auf den Bahnsteigen des Göttinger Bahnhofs beachtet, jedoch weder bei Fußgängerüberwegen noch an den Bushaltestellen.
Das weiße Pflaster des Blindenleitsystems darf zudem nicht so angebracht werden, dass es vom Radverkehr mit Straßenmarkierungen verwechselt werden kann.

„Wir möchten, dass der 40-seitige Bamberger Leitfaden auch in Göttingen zur Anwendung kommt und genau beachtet wird. Die bisherige Göttinger Praxis war einseitig auf Blinde und Sehbehinderte ausgerichtet und vernachlässigte die Bedürfnisse der Rollstuhlfahrer und Senioren mit Rollatoren im öffentlichen Raum“, so die Vorsitzenden der PIRATENundPARTEI-Ratsgruppe und der FDP-Ratsfraktion, Francisco Welter-Schultes und Felicitas Oldenburg.

Die Göttinger Piraten fanden in einer eigenen Studie Anfang Mai 2017 am Bahnhofsplatz außerdem heraus, dass nicht nur Rollstuhlfahrer und Menschen mit Rollatoren, sondern auch viele Fußgänger mit Rollkoffern und Kinderwagen die Längsrillen mieden und stattdessen auf den Radschnellweg auswichen, um dort von der Nullabsenkung zu profitieren. Fast alle betraten den Radschnellweg, ohne sich umzusehen und auf den Verkehr zu achten. Eine Fotodokumentation wurde dem Antrag beigefügt.

 

Quellen:

[1] Bauausschuss 4.5.2017
https://ratsinfo.goettingen.de/bi/to020.asp?TOLFDNR=100532

[2] Bodenindikatoren im öffentlichen Raum – Leitfaden der Stadt Bamberg (1. Auflage, Januar 2014)
https://www.stadt.bamberg.de/media/custom/1829_9371_1.PDF?1408518831

PIRATEN, PARTEI und FDP stellen Antrag zu mehr Verkehrssicherheit bei Fußgängerüberwegen

2 Gedanken zu „PIRATEN, PARTEI und FDP stellen Antrag zu mehr Verkehrssicherheit bei Fußgängerüberwegen

  • 30. Mai 2017 um 14:28
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    Ein guter und richtiger Antrag. Und auch eine deutlich bessere Position als noch im verlinkten Bauausschuss vertreten wurde. Leitplatten einfach wegzulassen ist 2017 schon eine harte Position.

    Kleiner Exkurs in die Welt der betroffenen: Wir wohnen mit ca. 3,5 Jahre altem und als blind geltendem Kind in der Südstadt nähe Rosdorfer Weg.

    Der Zustand sämtlicher direkt erreichbarer Ampelanlagen (Rosdorfer Weg/Gartenstraße, Bürgerstraße, Ihringstraße, Groner Tor), ist nur als jämmerlich zu bezeichnen: Nahezu keine Bodenindikatoren, keine akustische Positionsanzeige der Ampeln und nur an der Hälfte der Ampeln überhaupt eine nicht visuell wahrnehmbare Grünanzeige (die für Kleinkinder nicht sinnvoll benutzbar ist). Eine akustische Grünanzeige die gleichzeitig eine Richtungsanzeige ist, gibt es ebenfalls an keiner Anlage.

    Insbesondere die sehr große Ampelanlage am Groner Tor ist in einem Zustand der mich Angst und Bange macht, wenn ich mit Kleinkind und Langstock unterwegs bin und die Benutzung des öffentlichen Raumes vermitteln möchte. Auch der potentielle Schulweg über die Anlage an der Ihringstraße besitzt wie die Groner Straße überhaupt keine Unterstützung für Sehbehinderte und Blinde.

    In fußläufiger Reichweite ist mir keine echte Ampelanlage (Ich zähle die akustisch ausgerüstete Busampel am Bahnhof nicht mit, da hier kein normaler akustisch wahrnehmbarer Verkehr besteht) mit vollausgebauter Barrierefreiheit bekannt. Wir werden dem Kind diese Ampeln daher wohl bei Oma in Hildesheim näher bringen müssen.

    Es wäre also sehr vorteilhaft, wenn wenigstens die Leitplatten ordentlich ausgebaut werden würden.

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    • 4. Juni 2017 um 2:05
      Permalink

      Vielen Dank für die freundliche Rückmeldung.

      Wir beobachten immer wieder, dass die Verwaltung beim Protokollieren Aussagen inhaltlich verfälscht. Das war auch hier der Fall. Ich sehe das erst jetzt.
      In diesem Fall hatte ich nicht gefordert, auf die Platten zu verzichten. Das wäre in der Tat eine harte Position gewesen.
      Diese Sitzung war, zurückhaltend ausgedrückt, ein wenig chaotisch. Ich hatte die Problematik gerade mal angesprochen und darum gebeten, die Platten mit den dünnen und nicht die mit den breiten Rillen zu verlegen, da fiel mir Frau Rohmann (Vertreterin des Beirats für Menschen mit Behinderungen) schreiend ins Wort, was ich so in einem Ausschuss noch nie erlebt hatte, und was dann von der Verwaltung sanftmütig als „wendet sich vehement gegen diesen Vorschlag“ protokolliert wurde.
      Aus meinem Vorschlag wurde gemacht, ich hätte gefordert, auf die Rillenplatten ganz zu verzichten. Frau Rohmann hatte das so verstanden, und ausgiebig in diesem Sinn kommentiert (und vor allem lautstark – auch andere sagten hinterher, so etwas hätten sie noch nie in einem Ratsgremium erlebt). Der Protokollant der Verwaltung hat diese Aussage, ich wollte auf die Rillenplatten verzichten, einfach übernommen. Gesagt hatte ich etwas ganz anderes.
      Frau Binkenstein (SPD) vermutete, die verwendeten Platten seien genormt, und die von mir vorgeschlagene Rillenbreite (die ich aus Berlin kannte) sei nicht normgerecht. Auch das wurde nicht protokolliert.

      Zugeben muss ich, dass ich mich in der Normbreite der Rillen geirrt hatte. Ich hatte in den wenigen Tagen vor dieser Sitzung aufgrund einer Wikipedia-Recherche fälschlich angenommen, die Platten mit den dünnen Rillen seien normgerecht, die mit den breiteren (38er Rippe) seien es nicht. Daher hatte ich diesen Vorschlag gemacht.

      Für den Antrag habe ich für den Antrag noch weiter recherchiert und festgestellt, der Wikipedia-Eintrag war veraltet, und es ist genau andersrum, die breiten Rippen entsprechen der heute angewandten Norm.

      Wir möchten nicht, dass die Blinden und Sehbehinderten im öffentlichen Raum benachteiligt werden. Der von uns im Antrag favorisierte Bamberger Leitfaden stellt eine Lösung vor, die beiden Interessengruppen, Blinden/Sehbehinderten und Fußgängern mit Rollrad-Vehikeln (egal ob gehbehindert oder nicht) gerecht wird.

      Die Kreuzung Groner Tor wird noch nicht ausgebaut, wegen der Großbaustelle, das dauert noch etwa 1-2 Jahre. Es ist noch nicht entscheiden, wie das mit dem Radweg werden soll. Ich gehe davon aus, die Kreuzung wird dann auch mit Leitsystemen ausgestattet.

      Auch die Bürgerstraße steht auf der Agenda. Da werden in ca. 2-3 Jahren wahrscheinlich auch Kreuzungen umgebaut, und jedesmal wenn das passiert, bauen die dann immer Leitsysteme ein.

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